Gestrandet II - oder: Einmal Zivilisation - und zurück..



Mehr als zwei Jahre sind seitdem vergangen. Gegen 9 Uhr brachte der Zug mich weg. Fort von daheim. Weit weg. Ins Ungewisse..

Die heimatliche Provinz und 18 endlose Jahre der Unterdrückung (gefühlt, nicht real) lagen ENDLICH hinter mir. Heute, hier, jetzt - würde es beginnen: Mein eigenes Leben, endlich Großstadt, endlich ich selbst sein!

Während meine körpereigenen Endorphine überkochten (die des knackigen Schaffners vermutlich auch, aber er war ja im Dienst..), fieberte ich dem Ende der langen Fahrt entgegen, starrte in freudiger Erwartung der baldigen Skylines und Wolkenkratzer aus dem Fenster (ich möchte fast so weit gehen, zu behaupten, ich war präorgasmisch). Der heutige Tag würde in die Geschichte eingehen, Feiertage und Straßen würden irgendwann nach mir benannt sein, und vielleicht sogar ein kleiner Stern - „Heute vor vielen Jahren“, würde man in vielen Jahren verkünden, „heute vor vielen Jahren begann das freibestimmte Leben unseres allseits geliebten und vielfach Bewunderten..was eigentlich?" - Gute Frage (irgendwie): Was genau wäre mein Verdienst? Was würde die Menschen dazu bringen, mich zu bewundern?

Aber ich beruhigte mich: Das herauszufinden war doch meine Mission. Die Antwort würde sich schon finden. Die Schaffnerin riss mich aus meinem Traum. „Nächster Halt ‚Saarbrücken Hauptbahnhof‘. Dieser Zug endet dort. Bitte alle aussteigen. Wir bedanken uns für Ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.“ Etwas überrascht über diese plötzliche Unterbrechung starrte ich (zunehmend entgeistert) aus dem Fenster. Hmpf… Das Saarland hatte ich mir irgendwie größer vorgestellt.

Zwei Jahre sind seit unserer ersten Begegnung schon vergangen. Zwei Jahre seit ich, scheu wie ein kleines junges Reh (ist das nicht ein liebliches Bild?) das erste Mal die saarländische Lichtung (ja, das passt, außenrum ist nämlich Zivilisation..) betreten habe, ja, man könnte fast sagen, zwei Jahre seit dem ersten zaghaften Kuss zwischen Saarbrücken und meinen jungfräulichen (auch wieder gefühlt) Lippen.

Hätte mich damals ein knebeliger und vermutlich gegen die Menschenrechte verstoßender Zivildienstvertrag nicht dazu gezwungen, die nächsten neun Monate in einer Hütte im Wald (Da gibt’s doch Bären! Bei Interesse hier demnächst nähere Ausführungen..) am Stadtrand von Saarbrücken zu leben, hätte ich den Zug vermutlich niemals verlassen. Aber ich tat es, und bin zwei Jahre später immer noch hier. Mittlerweile als Student - ein Psycho.

Natürlich nicht im klassischen Sinne. (Obwohl mein Geist da manchmal begründete Zweifel anmeldet). Ich studiere Psychologie, im dritten Semester sogar schon (bin allerdings noch gefühltes Schlüsselkind in der Vorschulklasse). Immerhin: Meinen Namen kann ich schon schreiben. Und überhaupt: Die Prüfungen beginnen auch erst in sechs Monaten, lernen kann ich also locker auch morgen noch. Und den Traummann finden. Und mich und mein Leben endlich verstehen. Und mein verschollenes Headset wieder finden. Freie Hände beim Telefonieren sind nämlich ungemein praktisch, ihr versteht was ich meine..

Vielleicht noch eine Frage, die ich an dieser Stelle direkt beantworten sollte. „Warum Psychologie?“ Es gibt keine Frage, die mich innerlich mehr zusammenzucken lässt . Um weiteren Fragen vorzubeugen werde ich sie jetzt hier genau ein einziges Mal beantworten. Das Problem: ich weiß die Antwort einfach nicht. Vielleicht war da in mir schon immer irgendwie der Drang, zu verstehen, warum wir Menschen manchmal solche Vollidioten sind. Warum wir uns beispielsweise beleidigt abwenden, wenn wir doch eigentlich viel lieber sagen würden: „Ich liebe dich“. Oder warum wir immer und immer wieder vor dem Fernseher sitzen, um uns die immer gleichen Geschichten anzuschauen. Warum wir auch beim dreißigsten Untergang der Titanic noch leidenschaftlich mitheulen können und uns immer und immer wieder im Vollrausch sozial ächten. Warum wir uns so oft anlügen oder hintergehen. Oder viel simpler: Warum wir lieben. Vielleicht war da einfach auch der Drang, mich selbst zu verstehen.

Mittlerweile schwöre ich da eher auf Valium. Ist wesentlich effektiver.

Nichtsdestotrotz: Ich studiere weiter. Und ich werde euch hier auf dem Laufenden halten. Direkt von der Front. Psychokrieg vom feinsten (natürlich nur innerlich und mit mir selbst, versteht sich). Willkommen im Saarland!