Diese Jugend von heute

Was man beim Aufräumen nicht so alles findet - hier ein Text von mir, veröffentlicht im Juni letzten Jahres in einer Lokalzeitung unter der Rubrik "Lästermaul".


Morgens halb 10 in Deutschland. Ich stehe in einem kleinen Wartehäuschen und warte auf meinen Bus. Neben mir ein Jugendlicher, vielleicht 16 Jahre alt. In der Hand eine Zigarette, an der er genüsslich saugt. Soweit so schlecht. Aber es wird schlechter. Alles hat ein Ende, so auch seine Sucht und um den Mülleimer an besagter Haltestelle zu erreichen, ist das Benutzen der Füße unerlässlich, steht er doch etwas abseits. ‚Zu Weit’, denkt sich offenbar der Jugendliche und lässt die Zigarette einfach fallen. Wieso sollte er seinen Hintern auch bequemen, hunderte davor haben es ihm schließlich schon gleichgetan: Der Boden der Haltestelle gleicht einem Schlachtfeld.


Da liegt Stummel an Stummel, in die Randbereiche des Terrains hat sich auch das ein oder andere Taschentuch verirrt. An der Scheibe des kleinen Wartehäuschens haben sich einsame Jungs mit wasserfesten Stiften verewigt, um der Damenwelt unmoralische Angebote machen und verzweifelte Mädels, die das Wort Pubertät vermutlich nichteinmal buchstabieren können. Auf die Bank wage ich mich gar nicht erst zu setzen, lacht mir doch eine undefinierbare Masse von schleimiger Konsistenz entgegen.


Der Raucher hat zwischenzeitlich Hunger bekommen, packt einen Schokoriegel aus. Sekunden später ist auch diese Verpackung hart auf dem Boden gelandet, neben einem alten Kaugummi und einer leeren Bierdose.Was ist nur los? Klar, auch ich gehöre zur Generation „Rasenlatscher“, aber im Gegensatz zu manch Jugendlichem weiß ich, wie man Mülleimer benutzt und wozu sie gebaut wurden. Auch ist mir das Wort „Recycling“ ein Begriff. Ich hole einmal tief Luft, möchte dem Jungen einen erstklassig improvisierten Vortrag über Umweltschutz, Waldsterben und Klimawandel halten, als ich bemerke, dass er die Umwelt jetzt sogar schon akkustisch beschmutzt.


Die Kopfhörer in seinen Ohren wären für diesen Lautstärkepegel doch nun wirklich nicht nötig gewesen….Wieso benehmen sich manche Menschen in freier Wildbahn so anders als zu Hause? Ist es vielleicht der animalische Urinstinkt, der in solchen Momenten zum Vorschein kommt? Der kleine Rebell, der in jedem von uns steckt und einfach manchmal rausgelassen werden will? Die täglichen fünf Minuten Anti-Aggressions-Training an der Bushaltestelle? Oder ist es vielleicht einfach nur schlichte Faulheit, die Unfähigkeit, fünf Meter bis zum nächsten Mülleimer zu laufen? Bevor ich die Frage beantworten kann, spuckt der Jugendliche noch einmal herzhaft zu Boden, vielleicht, um meiner These noch einmal mit Nachdruck zu verleihen.


Das ist der Moment, an dem ich mich dazu entschließe, doch lieber mit dem Zug zu fahren.